Mosambik 26.-31.Oktober

Veröffentlicht auf von Sephi und Sebastian von Eltz-Rübenach

26. Oktober

Es ist 6:00 in der Früh, das Taxi kommt nicht! Ich muss zum Busbahnhof im Stadtzentrum von Johannesburg. Kurzentschlossen bringt mich jemand vom Hostel zum Flughafen, von wo aus ich ein Taxi nehme. Heute, am Sonntag, sind die Strassen leer und nach ca. 40 Minuten sind wir im Stadtzentrum. Während der Autofahrt versuche ich mir vorzustellen wie in 2 Jahren die Fußballfans dieser Welt durch die Straßen ziehen werden. Die Stadt gilt als absolut gefährliches Pflaster und von Spaziergängen nach Einbruch der Dunkelheit wird dringend abgeraten. Auch mein Taxifahrer hat seine Bedenken. Am Busbahnhof herrscht bereits reges Treiben. Die Fernbusse stehen zur Abfahrt bereit in ihren Parkbuchten. Mit etwas Glück bekomme ich zwei Sitze für mich und meine langen Beine zugewiesen. Die 7stündige Fahrt führt uns ostwärts aus der Stadt heraus. Wir passieren den Krüger Park im Süden und kommen schließlich an die Grenze zu Mosambik. Der Bus hält und wir müssen aussteigen. Es herrscht unheimlicher Betrieb. Völlig überladene Fahrzeuge reihen sich hintereinander als wären Hunderte von Südafrikanern mit ihrem kompletten Hausstand auf der Flucht. Ein Chaos. Ich muss aufpassen, dass ich den Anschluss an meine Mitreisenden nicht verpasse. Die Abfertigung auf südafrikanischer Seite läuft einigermaßen geordnet ab. Es geht zu Fuß weiter. Ich folge der Masse. Die Abfertigung auf mosambikanischer Seite scheint mir ohne jegliche Systematik, doch irgendwie kommen wir voran. Unser Bus hat inzwischen die Grenze überquert. Der Anhänger mit unserem Gepäck wird gerade kontrolliert. Ich sehe Geldscheine von einer in die andere Hand wandern. Wer schnell weiterkommen will muss zahlen. Ich bin total beeindruckt von dem ganzen Treiben und freue mich auf das Abenteuer Mosambik! Hinter der Grenze verändert sich das Bild schlagartig. Leicht hügeliges Buschland erstreckt sich bis zum Horizont. Die Landschaft ist nur dünn besiedelt. Hier und da sehe ich kleine Siedlungen aus einfachen Lehmhütten mit Strohdächern. Immer wieder kreuzen Schafe oder Kühe die Fahrbahn und zwingen unseren Busfahrer zu abenteuerlichen Brems- und Ausweichmanövern. Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich Maputo. Von der Ferne erhebt sich die Silhouette mit zahlreichen Hochhäusern recht imposant aus der Ebene. Der Stadt vorgelagert sehe ich riesige Blechhüttensiedlungen. In einiger Entfernung kann ich die Kräne des Hafens erkennen. Beim Einfahren in die Stadt erkenne ich den morbiden Zustand der Häuser. Die Überreste portugiesischer Architektur ist dem Verfall preisgegeben. Die Straßen sind durchsetzt mit Schlaglöchern. Als wir endlich halten umgibt im Nu eine riesige Menschentraube unseren Bus. Selbst auserkorene Taxifahrer machen sich durch das hochhalten eines Taxischildes bemerkbar. Außer hier in der Hauptstadt gibt es in diesem Land keine Taxen. Nach der langen Busfahrt gönne ich mir heute ein Zimmer im Hotel Monte Carlo, einem der etwas besseren Hotels in der Stadt und ein guter Ausgangspunkt für einen ersten Erkundungsspaziergang durch die Innenstadt. Ein schönes Überbleibsel der portugiesischen Stadtplanung sind die vielen Bäume in den Straßen. Viele verschieden Arten und irgendwo blüht immer irgendetwas und das sonst so trostlose Straßenbild wirkt hierdurch nicht ganz so ernüchternd.

Nach Unabhängigkeitskampf und Bürgerkrieg konnte in Mosambik 1992 endlich ein neues Kapitel nationaler Geschichte aufgeschlagen werden. Für die leidgeprüfte Bevölkerung sollte es Frieden, Stabilität und vor allem bessere Lebensbedingungen bringen. Inzwischen gehört Mosambik zu den Ländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum in Afrika und erhielt einen Erlass seiner Auslandsschulden, nachdem die Regierung ein ambitioniertes Armutsbekämpfungsprogramm beschlossen hatte. Mosambik verfügt über bislang wenig genutzte Bodenschätze und landwirtschaftliche Nutzflächen; auch die Möglichkeiten im Tourismussektor sind angesichts einer 2.400 Kilometer langen Küste gewaltig. Dennoch gilt weiterhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung als arm. Die Mehrheit der Mosambikaner lebt von der Landwirtschaft, während der Industriesektor von wenigen Großbetrieben dominiert wird. Die Abhängigkeit von den Erträgen der Felder birgt ein großes Risiko, denn regelmäßig werden Teile des Landes von Überflutungen und Dürreperioden heimgesucht. Die Ausbreitung von HIV/Aids konnte bislang nicht gestoppt werden. Über 15 Prozent der Mosambikaner sind mit dem Immunschwächevirus infiziert. Mosambik verfügt mehr als 16 Jahre nach Kriegsende über ein großes Potential.

27. Oktober

Ich bin heute morgen mit Dalila verabredet, Regionalkoordinatorin in Mosambik für terre des hommes Deutschland (tdh) und meine Ansprechpartnerin vor Ort. Gemeinsam wollen wir in den kommenden Tagen Projekte verschiedener lokaler Partnerorganisationen besuchen. Wir beginnen unser Programm mit einem Besuch der Organisation »Renascer« (übersetzt »Wiedergeboren werden«) Unser Fahrer fährt uns hierzu in die äußersten Randbezirke der Stadt. Unsere Fahrt endet im Armenviertel Hulene. Die Siedlung im Rücken stehen wir am Rand der größten Mülldeponie der Hauptstadt »Lixeira de Maputo«. Beißender bräunlicher Rauch weht uns entgegen. Der Qualm brennt in den Augen und das Atmen fällt schwer. Es ist kurz nach 10 Uhr und bereits unerträglich heiß. In einiger Entfernung entlädt ein Müllwagen seine Fracht. Unzählige Menschen machen sich über die Ladung her und durchwühlen den Müll nach Lebensmittelresten, verwertbarem Metall oder Plastik, Medikamenten u.ä. Für manche Bewohner des angrenzenden Armenviertels ist diese Müllkippe eine kaum vorstellbare Belastung für andere bietet sie eine Chance zum Überleben. Wir wenden uns ab und gehen einige Schritte in die Siedlung. Zwischen den Blechhütten findet sich in einem kleinen Gebäudekomplex das »Lixeira«-Zentrum. Kinder, die zuvor jeden Tag auf der Mülldeponie verbrachten finden hier einen Zufluchtsort. Die Angebote reichen von psychologischer Beratung und Kontaktaufnahme zu den Eltern bis hin zur Ausbildung. In den Schul- und Werkstatträumen lernen fast 200 Kinder Grundrechenarten und handwerkliche Fertigkeiten für Holz-, Textil- und Drahtverarbeitung. Darüber hinaus werden Aufklärungs- und Informationsveranstaltungen zu HIV/Aids angeboten. Renascer setzt dabei auf Information durch Gleichaltrige. Ich sehe zwei gut gefüllte Klassenräume, die Suppenküche und einige kleinere Werkräume, in denen einige Kinder im Nähen und Korbflechten geschult werden. Einer der Jungs zeigt mir stolz welchen Korb er geflochten hat. Durch das sammeln von Medikamenten auf der Müllhalde und dem anschließenden Verkauf verdiente er sich bisher im Schnitt etwa 60Cent am Tag. Davon konnte er sich ein Brot oder ein billiges warmes Gericht kaufen. Dies bekommt er heute neben seiner Ausbildung durch die Organisation gestellt. Wir verlassen das Gebäude und wandern zurück und weiter entlang der Mülldeponie zur Tischlerwerkstatt, die ebenfalls einen Bestandteil des »Lixeira«-Zentrum bildet. Der Verein Lernen fürs Leben, in dem ich mich in Deutschland engagiere, hat zu großen Teilen die Mittel zur Gründung und den laufenden Betrieb dieser Werkstatt bereitgestellt. In einem gesonderten Artikel »Müll oder brauchbar?« gehe ich daher auf diese Werkstatt ein wenig ausführlicher ein.

28. Oktober

Am Morgen brechen wir auf und fahren in nördlicher Richtung aus der Stadt. Unser heutiges Ziel liegt in der Region Gaza ca. 3 Stunden mit dem Auto nördlich von Maputo. Großteile dieser Region fielen im Februar 2000 der Flutkatastrophe zum Opfer. Nach wochenlangen Dauerniederschlägen waren die beiden Flüsse Save und Limpopo zu reißenden Sturzfluten angeschwollen und hatten riesige Flächen überflutet. Weltweit löste das verheerende Unglück eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Rettungshubschrauber und Ärzte wurden geschickt, Notdienste mit Arznei- und Nahrungsmitteln halfen bei der Versorgung der Betroffenen. Auch im Februar 2001 erlebte das Land eine Flut, diesmal vor allem in der Sambesi-Niederung. Die Straßen in diese Region sind seither immer wieder erneuert worden und in einem wirklich guten Zustand. Die Fahrt führt uns durch sehr dünn besiedeltes Buschland. Es ist leicht hügelig und hier und da tun sich weite Blicke ins Land auf. Entlang der Straße verkaufen Bauern Früchte, Holz und Nüsse. Ca 80% der Bevölkerung ernähren sich quasi von der Subsistenz als Bauern oder Fischer. Noch immer werden viel zu geringe Flächen landwirtschaftlich genutzt (weit unter 10% der Landflächen) und hauptsächlich traditioneller Hackbau betrieben. In dieser ländlichen Region sorgt sich eine lokale Partnerorganisation von tdh um Waisenkinder, deren Eltern an Aids verstorben sind. Wir besuchen zwei Schulen mit jeweils weit über 1.000 Schulkindern. Neben dem Schulbesuch bietet die Organisation etwa 30 Waisenkindern eine Ausbildung in Kochen, Nähen oder Korbflechten. Am Rand erfahre ich ein wenig Hintergrund zum Schulwesen. Die aktuelle Situation scheint bedrückend. Nur 10% der Mädchen und 18% der Jungen schließen die 7. Klasse an einer der knapp 9.000 Grundschulen im Land ab. Ihre Lehrer sind schlecht ausgebildet; ca. 40% der Grundschullehrer haben gar keine Lehrerausbildung. Überall herrscht chronischer Lehrermangel.

Zu Mittag versammeln wir uns mit den Betreuern und Lehrern der Schule und essen gemeinsam zu Mittag. Die Kinder haben gekocht. Es gibt gegrilltes Hähnchen, Reis und Spinat. Ich mache Bekanntschaft mit dem Regulo, der gekommen ist um die Gäste in seinem Dorf zu begrüßen. Die traditionelle politische Struktur der Bantu-Ethnien beruht auf dem sog. Chieftainship, einer Einrichtung, die sich nur schwer beschreiben lässt. Jedes Volk hat mehrere Regulados oder Chiefs, die über verschiedene Regionen regieren. Er ist weit mehr als ein Dorfvorsteher, genießt enormen Respekt und Verehrung in der Bevölkerung, kann aber auch abgewählt werden, wenn seine Beschlüsse zu despotisch, unbefriedigend oder ungerecht werden. Seine Aufgaben sind vielfältig, im Grunde ist er eine Art Schiedsrichter für alle Alltagsprobleme und gemeinschaftlichen Entscheidungen, ein Hüter von Gesetz, Ordnung und Moral. Die Verteilung von Landflächen, Scheidungen, Streitigkeiten, Wohnungswechsel, Kriminaldelikte – alles wird vom Regulo geregelt und dann bedingungslos akzeptiert.

Am späten Nachmittag verlassen wir unsere Gastgeber und fahren nach Bilene. An der Stichstrasse zum Meer werden Honig und Cashewnüsse zum Verkauf angeboten. Bilene liegt nicht am offenen Meer sondern an einer großen Lagune und gilt daher als beliebtes Badeparadies. Wie auch in anderen Strandorten Südmosambiks ist der Tourismus hier fest in südafrikanischer Hand und der Rand das gängige Zahlungsmittel.

29. Oktober

Nach 2stündiger Fahrt sind wir heute morgen nach Xai-Xai gekommen. Die Hauptstadt der Provinz Gaza liegt auf einer kleinen Anhöhe über dem Flussbett des Limpopo. Die Hauptstraße offenbart noch etliche Häuser aus der Kolonialzeit. Auch die hiesige Partnerorganisation hat sich der Betreuung von Waisenkindern angenommen. Die Kooperation mit terre des hommes besteht erst seit kurzer Zeit. Nach kurzer Begrüßung fahren wir gemeinsam in eines der Armenviertel am Stadtrand von Xai-Xai. Wenig später winden sich die beiden Geländewagen über ein Gewirr von engen Trampelpfaden durch die Blechhüttensiedlung. Vor einer der Hütten kommen wir schließlich zum stehen. Durch einen Verschlag aus Brettern und alten Bambusmatten betreten wir das kleine Grundstück. In einer Ecke sehe ich drei kleine Kinder auf dem Boden sitzen und miteinander spielen. Unter ihnen ein wenige Monate altes Baby. Hühner scharren im Staub. Zwei Ziegen drücken sich in den Schatten der Hütte aus der uns ein Junge mit mehreren Stühlen entgegenkommt. Er ist der älteste dieser vier Geschwister, die nach dem Tod der Eltern seit nunmehr 3 Wochen auf sich alleine gestellt sind. Einige der Nachbarinnen sind hinzugekommen und erläutern uns die Situation. Beide Elternteile seien an HIV erkrankt und kurz hintereinander verstorben. Auch das jüngste der vier Kinder sei positiv getestet und sei in Behandlung. Die wird Gott sei Dank seit einiger Zeit kostenfrei staatlicherseits zur Verfügung gestellt. Doch wer kümmert sich um die regelmäßige Einnahme der Medikamente, wer sorgt sich um die entsprechende Mahlzeit vorab. Ich kann mir unter diesen Umständen kaum vorstellen, dass die Therapie ihren geregelten Ablauf findet. Beim späteren Betreten der Hütte sehe ich kleine Tütchen mit Tabletten auf dem Boden liegen und fühle mich in meinen Zweifeln bestätigt. Die Lebensumstände der vier sind kaum zu beschreiben. Die Hütte ist nichts weiter als ein Verschlag aus unterschiedlichsten Materialien. Der Boden besteht aus festgestampftem Lehm. Nachts liegen die Kinder auf einer Bambusmatte. Jetzt tagsüber ist es unendlich heiß und stickig unter dem Blechdach. In der Nacht, wenn es zum Teil recht kühl wird, weht der Wind durch die Ritzen. Wir treten wieder ins Freie. Die Atmosphäre ist bedrückend. Wir sitzen noch eine Weile bei den Kindern und unterhalten uns mit den Nachbarinnen bevor wir wieder aufbrechen. Die Organisation arbeitet mit Freiwilligen, meist Frauen, innerhalb der Siedlungen. Diese »Aktivisten« kümmern sich im Schnitt meist um drei bis vier Haushalte, in denen eines oder beide Elternteile an Aids gestorben sind. In meinem Reiseführer lese ich dass die Lebenserwartung bei nur 40 Jahren für Männer und 38 Jahren für Frauen liegt. Die Aktivistin, die wir als nächstes treffen führt uns zu einer der von ihr betreuten Familien, in der jüngst der Vater gestorben ist. Auch hier gibt es vier Kinder. Der älteste ist 16. Dann folgen 2 Mädchen im Alter von 12 und 9. Das jüngste der vier wird gerade von der Mutter gestillt – Vater unbekannt. Würde sich die Organisation nicht um diese Familie kümmern, müsste der älteste Sohn arbeiten gehen und sich um die Versorgung bemühen. Eine Schulausbildung wäre somit nicht mehr möglich. Während der Dauer unseres Aufenthaltes spricht die Mutter kein einziges Wort mit uns. Sie sitzt lethargisch vor uns auf dem Boden und beobachtet uns mit leerem Blick. Einzig der Junge gibt uns verschüchtert Antwort auf unsere Fragen. Als nächstes besuchen wir die Schule. Wir treffen die Schuldirektorin. Sie ist sichtlich gepeint durch unseren Besuch. Es stellt sich heraus, dass sie von der Arbeit der Organisation bisher noch nichts wusste. Sie hatte bisher keine Ahnung welche der Kinder an ihrer Schule von dieser Organisation betreut werden, sprich Waisenkinder sind. Offensichtlich scheint die Organisation vor Beginn ihrer Arbeit nicht alle Protagonisten in die Planung einbezogen zu haben. Dass allerdings gerade die Schuldirektorin ausgelassen wurde, erscheint uns sehr nachlässig. Diese und andere Beobachtungen während des Besuches lassen ziemliche Zweifel an der Arbeit dieser Organisation in mir wachsen. Vieles scheint mir nur halb durchdacht, oder in der Umsetzung nicht ganz ausgereift. Doch es ist immerhin ein motivierter Versuch einiger weniger vor Ort sich der Misere anzunehmen und mit geringsten Mitteln etwas dagegen zu unternehmen.

Am späten Nachmittag verabschieden wir uns von der Organisation und fahren etwa 12 km aus der Stadt heraus an den Strand von Xai-Xai. Hier brechen die Wellen mit voller Kraft ans Ufer. Schwimmen ist an diesem Strand auf Grund der Brandung und starker Strömungen zu gefährlich. Die meisten Besucher kommen daher wegen des Hochseefischens. Barrakudas und Schwertfische zu jagen gilt hier als Königsdisziplin. Am Abend erlebe ich eine Gruppe von südafrikanischen Hobbyfischern, die mitsamt vollständiger Bootsausrüstung Tiefkühltruhe, Grill und reichlich Bier angereist kommen und den Campingplatz in Beschlag nehmen. Die Jungs leeren über die Dauer ihres Aufenthaltes ihre mit Vorräten reichlich gefüllte Kühltruhe und füllen sie gleichermaßen mit frischem Fisch. Was zurückbleibt sind Berge von Müll.

30. Oktober

Wir reisen zurück nach Maputo. Am Nachmittag steht ein weiterer Projektbesuch an. Wir sind mit einer Organisation verabredet, die sich seit Anfang des Jahres der Vermeidung von Kinderarbeit angenommen hat. Vor den Pforten des städtischen Friedhofs treffen wir unsere Ansprechpartner. Gemeinsam überqueren wir den Friedhof und betreten eine benachbarte Armensiedlung. Die Gräber sind größtenteils in einem verwahrlostem Zustand. Der Müll aus der Siedlung wuchert am Rand über die Gräber. Zahlreiche Kinder aus dieser Siedlung suchen sich mit Gelegenheitsjobs auf dem Friedhof ein Einkommen. Sie gießen die Blumen, putzen die Grabsteine, verkaufen Blumen und Kerzen – man sieht sie überall. Die Organisation nimmt sich dieser Kinder an und versucht ihnen eine Schulausbildung zu ermöglichen. Vor einer Hütte treffen wir auf eine Frau. Sie ist Mutter zweier Kinder, die durch die Organisation betreut werden. Auf meine Frage wie sie zur Arbeit der Organisation steht findet sich außer Achselzucken keine Antwort. Ein Nachbar meldet sich hierauf zu Wort. Er könne nicht nachvollziehen warum die Kinder in die Schule gehen würden. Sie sollten doch besser eine vernünftige Ausbildung genießen, oder einer Arbeit nachgehen so wie er. Selbst hat er nie eine Schule besucht und gehört zu den über 50% der Analphabeten im Land. Ich frage mich wie die Kinder bzw. die Arbeit der Organisation bei so wenig Rückhalt entwickeln wird. Wir spazieren weiter durch die Siedlung. Mancherorts sehe ich kleine Tische vor den Hütten stehen, auf denen einige Lebensmittel zum Verkauf angeboten werden. Wie ich höre erhalten die Haushalte, in denen Kinder von der Organisation unterstützt werden diese Lebensmittel als Kompensation für die wegfallenden Einnahmen der Kinder. Auf unserem Spaziergang durch die Siedlung erfahre ich das dies bereits der 3. Anlauf einer Organisation sei sich der Herausforderungen anzunehmen. Bisherige Versuche seien ohne nachhaltigen Erfolg geblieben. Auf einem kleinen Platz treffen wir auf eine Gruppe spielender Kinder. Einige von ihnen sind Teil einer durch die Organisation initiierten Theatergruppe. Spontan führen sie uns ein kleines Stück auf. In der dargestellten Szene wird den Zuschauern spielerisch der Umgang und die Vermeidung von Aids beigebracht. Die Zuschauer sind begeistert. Die kleine Schauspielertruppe findet regen Applaus und der Stolz steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Am Abend bin ich mit dem Regionalkoordinator von terre des homes fürs südliche Afrika verabredet. Ich erfahre einige spannende Hintergründe zum Land und seiner Entwicklung. Nachhaltig bleiben mir seine Erläuterungen zur Lage der Bevölkerung in Erinnerung. Von Beginn des 20.Jh. bis zur Unabhängigkeit hatte Mosambik eine ausgeprägte Dienstleistungsfunktion gegenüber Südafrika. Portugal führte Mosambik eher wie eine Krämerkolonie, scheute hohe Investitionen und Veränderungen. Die Bevölkerung war nur zur Verrichtung von Billiglohnarbeit vorgesehen. Zum einen schickte man die Männer in die Bergwerke der Nachbarkolonien, wo sie unter schlechten Bedingungen Schwerstarbeit verrichteten. Die Zurückgebliebenen wurden der »Chibalo« unterworfen, also zur Zwangsarbeit auf Plantagen oder dem Straßenbau gezwungen. Der 17 Jahre andauernde Bürgerkrieg und bittere Armut haben ein kollektives Trauma hinterlassen. Zu viele leere Versprechungen haben sich in Seifenblasen aufgelöst, als dass man hier euphorisch einer neuen Doktrin folgen möchte. Für die UNO bedeutete der Einsatz der UNOMOZ zur Befriedung des Landes und Entwaffnung der Kriegsgegner eine der weinigen wirklich erfolgreichen Aktionen auf dem afrikanischen Kontinent. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR ist in Mosambik stark vertreten und hat einiges geleistet für die Rückkehr und Wiedereingliederung der Millionen Flüchtlinge. Auch die UNICEF hat diverse Projekte im Land. Neben diesen UN-Hilfen findet man staatliche Hilfsaktionen, wie USAID. Mosambik wird vor allem von britischen, irischen und skandinavischen Projekten diverser NGO’s unterstützt. Nach den ersten Mehrparteienwahlen im Oktober 1994 musste die neue Regierung bei Null anfangen: Schulen Straßen und Gesundheitsstationen waren zerstört, eine industrielle Produktion nicht vorhanden. Unter dem Einfluss von IWF und Weltbank wurden wirtschaftliche Reformprogramme aufgelegt, die unter anderem die Privatisierung der meisten Staatsbetriebe zur Folge hatten, aber auch Investitionen aus dem Ausland nach sich zogen. Seit Jahren verzeichnet das Land ein stetes Wirtschaftswachstum, was Mosambik international einen guten Ruf beschert. Innerhalb Mosambiks ist die Sichtweise allerdings weniger optimistisch: Noch profitiert die Bevölkerung nicht von dem vornehmlich auf den Süden konzentrierten Wirtschaftsboom. Zivilgesellschaftliche Organisationen kritisieren außerdem Korruption, mangelnde Mitsprachemöglichkeiten und Demokratiedefizite angesichts eines faktischen »Zweiparteiensystems« von FRELIMO und RENAMO im Land. Zudem machen die Folgen von Krankheiten wie HIV/Aids, aber auch Naturkatastrophen Erreichtes häufig wieder zunichte.

31. Oktober

Bevor ich am Nachmittag ein letztes Mal mit meinen Ansprechpartnern von tdh zusammenkomme, besuche ich am Vormittag gemeinsam mit Dalila eines der ersten Projekte von tdh Deutschland in Maputo. Die Schule inmitten einer Armensiedlung am Stadtrand ist ein Gemeinschaftsprojekt von Misereor und tdh. Gut finanziell ausgestattet war es der verantwortlichen Organisation möglich ein großzügiges Schulgebäude mit angeschlossener Küche und Lehrwerkstätte zu errichten. Das gesamte Projekt wirkt sehr etabliert und gut organisiert. Ich gewinne einen sehr positiven Eindruck. Am Nachmittag sitze ich noch einmal in großer Runde im Büro von tdh und fasse meine Eindrücke der Woche zusammen. In meinem Feedback teile ich meine Bedenken mit und diskutiere mögliche Optimierungsvorschläge. In den wenigen Tagen konnte ich viel über Land und Leute erfahren. Ich bin sehr dankbar über die intensiven Begegnungen während der Projektbesuche. Es wird sicher sehr spannend sein die weitere Entwicklung von Mosambik zu verfolgen und ich hoffe sehr eines Tages wiederkommen zu können.
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