Südafrika 18. - 26. Oktober
18. Oktober
Wir landen in Johannesburg International. Endlose Gänge, treppauf, treppab – endlich stehen wir vor der Passkontrolle. Ehrgeizige Baumaßnahmen haben das Flughafengebäude auf den allerneusten Stand gehoben. Alles scheint bestens präpariert für die Ankunft der internationalen Fußballwelt in 2010. Wir sind umgeben von Touristen, insbesondere deutschen. Die Atmosphäre des Flughafens ist mit der in Addis vom frühen Morgen nicht im geringsten zu vergleichen. Da wir in jedem Fall die Innenstadt von Johannesburg meiden wollen, beschließen wir gen Nordosten aus der Stadt herauszufahren. Unser Ziel für den heutigen Abend: Rustenburg. Die Stadt bildet das Tor zu Sun City und dem Pilansberg National Park. Letzteren wollen wir am nächsten Tag erkunden. Unsere Autofahrt verläuft vollkommen problemlos. Das Straßennetz ist bestens ausgebaut. Wir kommen gut voran und gelangen schließlich am frühen Abend nach Rustenburg. Dank erfolgreichem Platinbergbau in der näheren Umgebung erlebt die Stadt jüngst eine Art Aufschwung. Hiermit einhergehend wächst bedauerlicherweise die Kriminalität. Der Schutzzaun, hinter dem sich das erste Hostel, welches unser Reiseführer empfiehlt, verbirgt, gibt eindrucksvoll Zeugnis davon. Wir stehen vor einem Stacheldraht-bewehrten Tor, auf dem ein Schild den Besucher unmissverständlich darüber in Kenntnis setzt, dass dieses Tor nur über telefonische Anfrage zu öffnen sei. Wir fühlen uns in einer Gefahrenzone – schließlich stehen wir außerhalb des Tores. Schließlich wird uns geöffnet doch leider müssen wir erfahren, dass die Unterkunft bereits ausgebucht sei. Freundlich vermittelt man uns an eine andere Bleibe. Es ist inzwischen dunkel und die Orientierung in der fremden Umgebung fällt noch etwas schwer. Die Atmosphäre auf den Straßen ist mit unseren Eindrücken aus Äthiopien nicht zu vergleichen. Unbehagen macht sich breit und wir sind froh als wir endlich unser Quartier finden. Hier steht man der Kriminalität noch etwas gelassener gegenüber. Getreu der Devise »die Leute haben Angst vor Guest-Houses, denn sie wissen nie wie viele Menschen darin sind« herrscht hier noch eine Art Haus der offenen Tür Mentalität. Wir bleiben.
19. Oktober
Heute ist Sonntag und unsere Gastleute sind in der Kirche. Wir haben bereits bei unserer Ankunft am gestrigen Abend gezahlt und so ziehen wir das Eisentor hinter uns ins Schloss und brechen auf. Im nahegelegenen Einkaufszentrum decken wir uns mit Vorräten für die nächsten Tage ein und frühstücken reichlich. Da Rustenburg nichts wirklich sehenswertes zu bieten hat und das Internetcafé an einem Sonntag geschlossen hat, verlassen wir die Stadt in Richtung Pilanesberge. 1979 wurde dieser Nationalpark im Rahmen der sogenannten "Operation Genesis" ins Leben gerufen. Ca 650 qkm Land wurden in Beschlag genommen und eingezäunt. Über 6.000 Tiere wurden aus dem ganzen Land eingeflogen und im Park eingesetzt. Sicherlich ist das Naturerlebnis nicht ansatzweise mit der Kulisse des unendlich viel größeren Krüger National Parks zu vergleichen, doch auch hier finden sich die Big Five und wir brauchen uns nicht um Malaria zu sorgen. Mit unserem Wagen folgen wir den Wegen kreuz und quer durch den Park und kosten das Vergnügen bis kurz vor Toresschluss aus. Es dauert ein wenig bis sich die Augen an die fremde Natur gewöhnt haben und man ein Gefühl dafür entwickelt wo und wie die Tiere auszumachen sind.
Doch bis zum Abend bekommen wir einiges zu Gesicht und mit Elefant, Nashorn und Löwe auch drei der Big Five. Über Nacht bleiben wir in einer Lodge vor den Toren des Parks. Die Lodge wie auch der Park profitieren durch den nahe gelegenen Vergnügungspark Sun City. In den frühen 70er Jahren war dies einer der wenigen Orte in Südafrika an denen Geldspiel erlaubt war. Die heutigen Hotels erscheinen uns dem Las Vegas-Stil nachempfunden und da das Geldspiel inzwischen landesweit legalisiert wurde, versuchen sich die Veranstalter in neuen Kinder- und Familienfreundlichen Vergnügungskonzepten. Uns befremdet die Anlage und wir passieren lediglich das Eingangsportal auf unserer Fahrt nach Pretoria am nächsten Vormittag.
20. Oktober
Wir wollen nach Pretoria. Evtl. besteht die Möglichkeit eine Kontaktperson der GTZ zu treffen. Auf unserer Fahrt erhält unsere Frontscheibe einen erheblichen Steinschlag. In Pretoria angekommen müssen wir uns daher zunächst um einen Fahrzeugwechsel bemühen. Unser heutiges Guesthouse liegt etwas außerhalb der Innenstadt in einem ruhigen Wohngebiet. Wiedereinmal stehen wir vor einem uneinnehmbar durch Zäune und Glasscherben-bewehrte Mauern umgebenen Grundstück. Unmissverständlich wird uns die Schwierigkeit dieses Landes vor Augen geführt. Arm und reich, schwarz und weiß. Diese Gegensätzlichkeiten begegnen uns insbesondere in den Städten mit besonderer Vehemenz. Unsere heutige Gastgeberin ist weiß. Sie bittet uns höflich durch die diversen Eisengitter und zeigt uns unser Quartier. Wir erhalten wenig später ein Schlüsselbund dass auch die letzten Zweifel an der Sicherheit unserer heutigen Schlafstätte ausräumt. Äthiopien bot in dieser Hinsicht ein deutlich anderes Bild. Am Abend spazieren wir in ein nahegelegenes Restaurant. Die Speisekarte lässt wiedereinmal keinen Wunsch offen. Das Ambiente erscheint uns nach amerikanischer Art etwas überfrachtet und wir sehnen uns nach der Einfachheit unserer äthiopischen Gartenwirtschaft.
21. OktoberLeider kommt das Treffen mit der GTZ nicht zustande. Keine Rückmeldung auf meine letzte Mail. Somit begnügen wir uns damit am Vormittag die Reiseplanung für die kommenden Tage zu organisieren. Da uns die Stadt nicht länger reizt machen wir uns auf den Weg in Richtung Süden. Wir haben ein Treffen mit der Topsy Foundation für den nächsten Tag geplant. Deren Wirkungsstätte liegt etwa 1,5h südlich von Johannesburg und wir wollen versuchen dort in der Nähe Quartier zu finden. Der Zufall führt uns schließlich nach Deneysville. Ein kleiner 2.000- Seelen Ort am Ufer eines Stausees, dem Vaal Dam. Bisher vom großen Wochenendtourismus der Jo’burger verschont, bietet der Ort einen überaus friedlichen und etwas verschlafenen Eindruck. Wir gelangen an den Yachthafen. Die dazugehörige Hafenkneipe hat laut Hinweistafel heute geschlossen. Dennoch treffen sich Teile der männlichen Bevölkerung zum abendlichen Drink und es werden die Ereignisse des Tages ausgetauscht. Bezahlt wird, wie uns scheint, in Naturalien. George, der Inhaber der Bar schließt uns freundlich in den Kreis seiner Besucher ein und bietet uns darüber hinaus auch ein Quartier für die Nacht. Bei Dämmerung lädt uns George, der, wie wir inzwischen lernen konnten, Inhaber des Yachthafens ist, auf einen Bootstrip ein. Wir segeln in den Sonnenuntergang und wenig später unter Sternen. Unser Skipper erzählt uns von seinem früheren Leben in der Businesswelt und dem Leben in Johannisburg, welches er beides zu Gunsten seiner neuen Wirkungsstätte dem Yachthafen von Deneysville hinter sich ließ. Der Ausflug ist ein Genuss. Ein paar kühle Bier, eine warme Briese, sternenklarer Himmel und in der Ferne das Gebrüll von Löwen. Schon kurios wie es einen plötzlich an solche Orte verschlägt.
22. Oktober
Heute früh gelangen wir auf Schotterpisten von der nordwestlichen Spitze der Verwaltungsregion Free State in den westlichsten Zipfel der Verwaltungsregion Mpumalanga. Die Region ist überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Sehr konservativ. Vereinzelt sehen wir Farmhäuser, riesige Viehweiden und ein wenig Ackerbau. Der hiesige Landbesitz liegt fest in weißer Hand. Wir erreichen die Ortschaft Grootvlei. Die Kulisse wird dominiert durch ein nahegelegenes Kohlekraftwerk und dessen mächtige Schornsteine. Früher wurde in der näheren Umgebung Bergbau betrieben. Nach jahrelangem Stillstand und der jüngsten Energiekrise wurde das Kohlekraftwerk erst kürzlich aktiviert. Hiermit wächst die Hoffnung der Einwohner auf einen zukünftigen Arbeitsplatz. Neben dem Arbeitseinsatz auf umliegenden Farmen sind die Aussichten auf einen Arbeitsplatz in dieser Gegend stark begrenzt.
Die Topsy Foundation wurde Anfang 2000 von Silja Elena, Duke Kaufman und Doug Maritz in Johannesburg, Südafrika, gegründet. Die drei teilten die gemeinsame Vision, einem Teil der bis 2010 geschätzten 2,3 Millionen Aidswaisen in Südafrika, Hoffnung zu schenken und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Mit Gründung der Stiftung erwarb man den Verwaltungskomplex des ehemaligen Bergbaubetriebes, bestehend aus mehreren Gebäuden und einem großen Grundstück. Von den anfänglichen Planungen 2000 Waisenkindern ein Heim zu bieten, ließen die drei jedoch schon bald ab. Auf Grund zahlreicher heruntergekommener und überfüllter Heime aus der Vergangenheit, fördert die südafrikanische Regierung heute nur noch dezentrale Gemeindebasierte Waisenkinderzentren. So trennte sich die Stiftung von einem Großteil der Gebäude und richtete in den Verbliebenen einen Kindergarten, ein kleines Waisenzentrum und Arbeitsstätten für HIV-Infizierte ein. Fortan konzentriert sich die Stiftung ausschließlich auf die Versorgung von Aidswaisen und HIV/Aids betroffenen Familien aus der unmittelbaren Umgebung. Hierbei kooperiert die Topsy Foundation mit diversen ländlichen Gemeinden, um auf möglichst vielen Ebenen den Konsequenzen von HIV/AIDS entgegenzuwirken und somit Veränderungen herbeizuführen.
Bei unserem Besuch erleben wir den alltäglichen Klinikbetrieb. Patienten aus den umliegenden Ortschaften kommen und unterziehen sich ihrer täglichen ärztlichen Betreuung und erhalten ihre Medikamente. Der zur Stiftung gehörende Fuhrpark dient dazu den Patienten den täglichen Weg in die Klinik zu ermöglichen. Bis zu 70km beträgt das Wirkungsfeld der Topsy Foundation. Neben dem Klinikbereich verfügt das Hauptgebäude über einen großzügigen Warte- und Aufenthaltsbereich, Kinderspielzimmer, kleinere Beratungsräume und eine Küche, aus der die Patienten häufig ihre einzige Mahlzeit am Tag erhalten. Das Gebäude umgibt ein gepflegter Garten und einige Nebengebäude. Einige der Räumlichkeiten bietet die Stiftung jungen Mädchen die Möglichkeit verschiedene Handarbeiten, wie nähen, sticken und knüpfen zu erlernen. Teile der hier hergestellten Artikel werden verkauft und dienen der Refinanzierung des Materialbedarfs.
Am späten Vormittag werden wir in die benachbarte Siedlung geführt. Die ursprünglichen Unterkünfte der Bergwerksarbeiter sind heute um ein vielfaches gewachsen und so reiht sich Blechhütte an Blechhütte. Wir betreten eine dieser Behausungen. Es braucht eine Weile bis sich die Augen an das Dunkel gewöhnt haben. Es gibt in dieser Siedlung weder Strom noch fließend Wasser. Über 5000 Bewohner teilen sich drei Wasserstellen.
Wir sind zu Gast bei einer älteren Dame.Sie ist die Großmutter „GoGo“ von 5 Enkelkindern um deren Überleben sie sich kümmert. Die Elterngeneration ist an Aids erkrankt und bereits vor einiger Zeit verstorben. Die Luft in der Hütte ist zum Zerschneiden. Bei Außentemperaturen von ca. 40 Grad Celsius treibt es einem unter dem Wellblechdach schnell den Schweiß auf die Stirn. Unsere Gastgeberin ist umgeben von einigen Nachbarinnen, die uns mit lethargischem Blick beobachten. Das Interieur ist rudimentär. Kaum vorstellbar unter diesen Umständen zu leben. Wieder unter freiem Himmel zeigt uns unsere Gastgeberin ihren kleinen Gemüsegarten. Ein weiteres Projekt der Topsy Foundation. Hiermit sichert sie der Wohngemeinschaft eine Grundversorgung und sorgt bei guter Ernte für eine Einnahmequelle. Zusätzlich erhalten Haushalte wie dieser einmal im Monat ein Care-Paket mit einigen Lebens- und Haushaltsmitteln.
Am Rande erfahren wir, dass es zu Ende des letzten Jahres massive finanzielle Engpässe im Gesamtprojekt gegeben habe. 49 Aktivisten der Topsy Foundation mussten gekündigt werden. Inzwischen seien die laufenden Aktivitäten wieder gesichert. Reserven gäbe es allerdings keine. Von den ursprünglichen Gründern ist nur noch Duke Kaufman für die Stiftung tätig. Er organisiert heute die Fundrainsingaktivitäten in GB.
Bleibt zu hoffen, dass das neue Management die zukünftigen Herausforderungen bewerkstelligen und die Initiative weiter fruchten wird.
23. – 24. Oktober
Wir sind im nördlichen Grenzgebiet zu Lesotho nahe dem Golden Gate National Park, in einem kleinen Ort namens Clarens. Unser Quartier bietet einen traumhaften Blick auf die nördlichen Ausläufer der Drakensberge.
Die bis zu 3.482 Meter hohen Drakensberge sind das höchste Gebirge des südlichen Afrika. Man ist verlockt auf einen der umliegenden Berge zu klettern, doch die Hitze erstickt diesen Gedanken im Keim. Wegen der klaren Bergluft fernab der Zivilisation, der zahlreichen Wasserfälle, Wildblumen, Vogelwelt und der vielen hohen, vielgestaltigen Berge sind sie ein beliebtes Touristenziel. Seit 1997/98 ist ein Teil des Gebirges südafrikanischer Nationalpark, im Jahr 2000 wurde es von der UNESCO auf die Listen des Weltnaturerbe und Weltkulturerbe gesetzt. Clarens ist eine verträumte Kleinstadt, in der es sich wirklich sehr entspannt aushalten lässt. Zahlreiche Künstler haben sich hier niedergelassen und betreiben ihre Galerien. Es gibt einige nette Kneipen und wir geraten in einen Backgammonrausch.
25. Oktober
Am gestrigen Nachmittag sind wir nach Johannesburg zurückgekehrt. Nahe dem Flughafen haben wir nach einer kurzen Irrfahrt schließlich ein Hostel gefunden in dem wir Quartier beziehen. Mit kostenlosem Internetzugang und der Nähe zum Flughafen sind die Vorzüge dieser Unterkunft bereits weitestgehend umrissen. Am Vormittag fahren wir zum Flughafen und Sephi nimmt den Flieger in Richtung Durban. Im Stacheldraht-geschützten Garten des Hostels trinke ich am Abend mit Frozen, einem Flüchtling aus Zimbabwe ein paar Bier. Sichtlich betroffen beschreibt er mir die Situation in seinem Heimatland. Mit Hilfe seiner Flüchtlingspapiere konnte er als Fahrer in dem Hostel anheuern und hofft nun ein wenig Geld zur Seite legen zu können, um zu Ende des Jahres zurück zu seiner Familie reisen zu können. Alleine behagt mir diese Stadt noch viel weniger und ich bin froh am nächsten Tag den Greyhoundbus in Richtung Maputo/Mosambik nehmen zu können.