Addis Ababa / Äthiopien 13. - 18. Oktober 2008
Aus Istanbul kommend landen wir in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober in Addis Ababa. Es ist ca. 1 Uhr als wir unser Flugzeug verlassen. Gemischte Gefühle, was wird uns erwarten. Wir wissen wenig über dieses Land und seine Menschen. Aus Perspektive der Entwicklungszusammenarbeit erscheint es uns Schwerpunktland zu sein so weit wir zurück denken können. Stillschweigend bearbeiten zwei Damen unsere Visa-Formulare. Als wir wenig später etwas unsicher im Yellow Taxi Richtung Innenstadt sitzen haben wir den Äthiopischen Behörden bereits etwa 20 Durchschläge bereitet. Wir machen uns Gedanken, ob ein Land überhaupt nach vorne schreiten kann bei so viel lähmender Bürokratie. Die Strassen erscheinen ausgestorben um diese Zeit. Unser Ziel für diese Nacht das Damu Hotel liegt etwa auf halber Strecke in die Innenstadt. Wir schlafen überteuert. In der Umgebung verbellen die Hunde den Vollmond bis tief in die Nacht und schon am frühen Morgen weckt uns der rege Verkehr auf der Bole Road.
14.Oktober
Nach kurzem Frühstück versuchen wir uns zu orientieren. Das zum Hotel gehörige Business Center macht einen vielversprechenden Eindruck. Der uns zugewiesene Computer hält für ganze 10 Minuten den Zugang zur weiten Welt des www bevor ein erstes Mal die Verbindung stockt. Auch der dazugehörige Drucker hat seine Anlaufschwierigkeiten, doch der aus der Nachbarschaft zu Rate gezogene Computerfachmann behebt das Problem. Es scheint also irgendwie zu laufen! Nachdem wir ursprünglich eher das Land und weniger die Stadt entdecken wollten, müssen wir nun da wir unseren Plan kurzfristig ändern mussten und lediglich für gute 4 Tage in der Hauptstadt Station machen ein wenig improvisieren. Wir kontaktieren diverse Gesprächspartner und Organisationen. Nach gut einer Stunde haben wir Termine mit einer österreichischen Entwicklungsorganisation und 2 vage Verabredungen mit lokalen Gesprächspartnern.
Es geht weiter. Diesmal im Blue Taxi. Die lose kopierten Seiten unseres Reiseführers beschreiben das Lido Hotel als empfehlenswert. Hinter einem grünen Blechverschlag an der Sudan Road gelegen bietet das kleine Hotel Ruhe und Zuflucht vor dem lärmenden Verkehr auf den Strassen Man empfängt uns sehr freundlich und die Atmosphäre ist sehr friedlich. Wir bleiben!
Unser erster Erkundungsgang an diesem Tag führt uns zum Hilton Hotel. Wir sind zu Fuß unterwegs. Die Luft ist Abgas-geschwängert. Der Verkehr ist laut aber irgendwie geregelt. Wir begegnen keinem einzigen weißen Gesicht, bis wir die Schranken der Hilton Einfahrt hinter uns lassen. Schlagartig verändert sich die Szenerie. Fahrzeuge der UN und diverser anderer Hilfsorganisationen auf dem Hotelparkplatz lassen die Herkunft zahlreicher Gäste erahnen. Darunter mischen sich wohlsituierte Afrikaner und betuchte Urlauber, die Ihrer Abenteuerlust am großzügig angelegten Pool nachgehen. How exciting! Ein Mikrokosmos, der das Leben außerhalb der Zäune perfekt ausklammert und auf diese Weise wieder faszinierend auf uns wirkt. Wir erkundigen uns an der Rezeption nach einer Bekannten, die einer großen deutschen Organisation der Entwicklungszusammenarbeit angehört. Leider erfahren wir, dass sie bereits abreisen musste. Die große Empfangshalle des Hotels behagt uns nicht länger. In der zum Hotel gehörigen Bäckerei gibt es jedoch verlockende Brezeln und Tuna-Sandwiches und so stillen wir inmitten internationaler Besucher einer Konferenz zur Aids-Thematik unseren Hunger.
Wir verlassen das Hilton wenig später und begeben uns zurück zu unserem Hotel. Die Menschen auf den Straßen registrieren uns meist freundlich lächelnd. Kaum jemand spricht uns an. Das Stadtbild von Addis erscheint uns wenig ansprechend. Ein Zentrum in unserem Sinne ist nicht zu erkennen. Einige der Strassen rühren aus besseren Zeiten, sind übertriebenen Ausmaßes und führen wenig Verkehr. Andere sind wesentlich stärker frequentiert, aber kaum geeignet für die Verkehrslast, der Verkehr stockt und die Luft ist schier unerträglich. Die Polizei hat starke Präsenz. Bewaffnete junge Kerle in Uniform vermitteln mehr Unwohlsein als das Gefühl von Sicherheit. Uns befremdet die Präsenz von Waffen.
Zurück im Hotel in unserer freundlichen Oase erholen wir uns von unserem Spaziergang und diskutieren über die ersten Eindrücke. Gemischte Gefühle und Fragen zur Perspektive des Landes bewegen uns. Unsere Momentaufnahme des bisherigen Tages lässt erste Fragen zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit aufkommen. Im Straßenverkehr konnten wir unzählige Geländefahrzeuge diverser internationaler Hilfsorganisationen ausmachen, weniger aber die Erfolge deren Arbeit im Stadtbild erkennen. Mülltonnen mit dem Schriftzug „Keep Addis clean“ geben Zeugnis einer gut gemeinten Initiative der GTZ. Allerdings finden sich diese hauptsächlich entlang der oben beschriebenen Prachtstrassen, wo der Müll einiger weniger Passanten kaum ein ernstzunehmendes Problem darstellen dürfte. Höhenluft und Abgase fordern ihren Tribut – wir ruhen uns aus.
Später am Nachmittag lernen wir weitere Hotelgäste kennen. Neben uns gibt es weitere Ausländer. Scott ein Amerikaner erwartet seine Kunden, um mit Ihnen die 700km lange Tour nach Lalibela im Norden zu radeln. Emanuel, ein Physiotherapeut aus der Schweiz erzählt uns von seinen ersten Eindrücken aus der Klinik. Er ist bewegt zwischen Faszination und Abscheu und sichtlich erfreut ein wenig davon mit uns teilen zu können.
Wir wollen Emails checken. Kein leichtes Unterfangen hier in Addis, denn nur die großen Hotels und einige wenige Internetcafes bieten hierzu eine Möglichkeit. Da allerdings alle auf das fragile Telefonnetz zugreifen, lassen Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit sehr zu wünschen übrig. Eine im Business Center des Hilton teuer eingekaufte Viertelstunde reicht kaum um mehr als 2-3 Mails zu verschicken. Für den heutigen Tag finden wir keine geeignete Möglichkeit mehr und so begeben wir uns stattdessen auf die Suche nach einem Abendessen. Mit etwas Glück finden wir ein kürzlich neu eröffnetes Lokal. Wir betreten den gemütlich beleuchteten Garten und finden uns ausschließlich unter Einheimischen. Die engagierte Chefin des Lokals weist uns einen Tisch zu und gibt ihren noch etwas ungeübten Angestellten zu verstehen uns zügig zu bedienen. Ihre Geschäftstüchtigkeit ist absolut bemerkenswert. Ihrer Empfehlung folgend gibt es heute ein halbes Kilo gut gegrilltes Kuhfleisch mit ein wenig Gewürzen und Brot. Gestärkt bestreiten wir den Heimweg zum Hotel zu Fuß. Auch im Dunkeln bereitet es uns wenig Unbehagen durch die Straßen zu gehen.
15. Oktober
Heute wollen wir zunächst ins Internet. So begeben wir uns nach dem Frühstück auf den halbstündigen Fußweg zum Hilton-Hotel. Die Preise kommen uns astronomisch vor. Für den Preis von 53 Birr (ca. 4-5 EUR) bekommen wir gerade eine Viertelstunde langsamen Internets. Dies entspricht unserem gut portionierten Abendessen inklusive der Getränke vom gestrigen Abend! Nun gut – ein paar Mails müssen dennoch sein.
Nach einem kurzen Imbiss am Pool des Hotels brechen wir wieder auf. Heute herrscht Benzinknappheit. An den Tankstellen reihen sich die Fahrzeuge und Menschen mit Benzinkanistern. Der Rückstau verursacht heilloses Chaos. Die Abgase stinken zu Himmel. Es ist schier unerträglich und wir beschließen uns durch Seitenstrassen zu bewegen.
Das Bild verändert sich. Blechhütte an Blechhütte reiht sich aneinander. Wie wir später feststellen werden, bestehen Großteile der Stadt in dieser Bauweise. Erst nach den Wahlen 2005 hat die Regierung an einigen Stellen damit begonnen Wohnhäuser zu errichten. Low cost housing bietet einigen Glücklichen seither ein stabiles Dach über dem Kopf. Die Bausubstanz dieser mehrstöckigen Gebäude erscheint uns allerdings schon nach 3 Jahren der Errichtung als nachgiebig.
Das weitere Stadtbild von Addis ist übersät mit Baustellen. Der derzeitige Bauboom bereitet vielen Einheimischen Sorge. Häufig stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit. Die meisten der oftmals viele Stockwerke hohen Gebäude werden mit einfachsten Mitteln errichtet. Fragil wirkende Holzgerüste bringen den oftmals barfüssigen Handwerker in schwindelnde Höhe. Steine und übrige Materialien werden in den seltensten Fällen maschinell nach oben transportiert. Andernorts erleben wir den Straßenbau. Unter den Bauarbeitern entdecken wir Jugendliche und Frauen, die sich mit einfachsten Mitteln am Bau beteiligen. Immerhin gilt in Addis, anders als in den meisten übrigen Teilen des Landes, die Frau als einigermaßen gleichberechtigt.
Am Nachmittag sind wir mit dem Leiter einer österreichischen Organisation verabredet. Wir treffen den Herrn in seinem Büro. Herr M. kommt aus Österreich und ist mit Unterbrechungen bereits seit etwa 18 Jahren in Äthiopien. Zunächst wirkte er bis 2002 in unterschiedlichsten Organisationen der Entwicklungshilfe. Nach vierjähriger Pause kehrte Herr M. bewusst ins Land zurück, um zu sehen ob sich das Land zwischenzeitlich weiterentwickelt habe. Wir erkennen Enttäuschung. Unter den heutigen Begebenheiten sieht er wenig Chancen für das Land. Große Sorge bereite ihm das stetige Bevölkerungswachstum und die anhaltende Inflation. Sein Motto lautet daher »es muss uns gelingen den Status zu halten, geben wir auf fallen wir weit zurück« Noch bis 1996 habe die Österreichische Politik in unzählige kleine, oftmals wenig aufeinander abgestimmte Einzelprojekte investiert. Nach seiner Rückkehr reduzierte er zunächst die Zahl der Angestellten und fokussierte die Bemühungen und Gelder der Organisation seither auf zwei Regionen. Im Nordosten konzentriert sich die Organisation auf die Förderung der Landwirtschaft und im Südosten auf eine Basis Gesundheitsversorgung. In Zusammenarbeit mit den dortigen Bezirksregierungen werden die zur Verfügung gestellten Mittel an die Empfänger verteilt. Ein wenig müde und teilweise resignierend berichtet uns Herr M. von den Widrigkeiten seiner Arbeit. Wir glauben in seinen Worten erahnen zu können welchen politischen Zwängen seine Arbeit häufig unterworfen ist. Auf die Frage wie es denn mit Abstimmungen zu anderen Organisationen stehe gab er uns zu verstehen, dass dies meist bilateral zwischen den Geberländern, also auf einer höheren Ebene geschehe, in der Praxis sei dies aber nicht immer ganz praktikabel. Sein Ziel sei es immer gewesen, die unzähligen Einzelaktionen, die meist wenig aufeinander abgestimmt seien zu bündeln und einem strukturierten Vorgehen zu unterwerfen. Hieraus erhoffe er sich die gewünschte Nachhaltigkeit zu erzielen. Nach den jüngsten Wahlergebnissen in Österreich sei allerdings abzuwarten, wie mit der Bereitstellung der erforderlichen finanziellen Mittel für seine Arbeit verfahren werden wird.
Auf unserem Heimweg entdecken wir zwischen Baustellen, Blechhütten und einem UN Areal das German House. Hier vereinen sich KfW, GTZ und DED unter einem Dach. Leider treffen wir heute niemanden mehr an. Wir beschließen wiederzukommen.
16.Oktober
Es ist 9:00 als wir am Eingang des Hilton Hotels in einen blauen Opel Kombi steigen. Heute wollen wir die Arbeit der Organisation Hope for Children in Ethiopia kennen lernen. Weil der Weg zur Zentrale der Organisation etwas kompliziert zu sein scheint hatten wir uns tags zuvor telefonisch auf das Hilton als Treffpunkt verständigt. Gizachew Ayka und Tariku Womdimu, zwei Mitbegründer der Organisation sind gekommen uns abzuholen. Wir fahren bergan in Richtung Piazza vorbei am Palast des Präsidenten. Als wir die mit Stacheldraht bewehrte Mauer des Geländes passieren bemerkt Tariku « Hier lebt, wohnt oder arbeitet der Präsident. Man weiß allerdings nie genau ob er da ist oder nicht » Unweigerlich muss ich an eine Textpassage aus dem Buch von Bartholomäus Grill denken, welches uns dieser Tage begleitet: »Die Not der Völker Afrikas wird fortdauern, weil es seinen Eliten an den Mitteln, am Know-how und am Willen fehlt, sie zu überwinden. Von den reichen Staaten dieser Welt ist nach all den Fehlschlägen vorerst wenig zu erwarten, ein bisschen Entwicklungshilfe, ein paar Experten, um das eigene Gewissen zu beruhigen, aber keine großen Kredite mehr und schon gar keine Kapitaleinlagen. Ein paar Multis räumen die strategisch wertvollen Bodenschätze ab. Es gilt, mehr den je, der Leitspruch des Milliardärs Tiny Rowland, den er bei einem Flug über Afrika zum Besten gegeben haben soll: Dort unten gibt es keinen Präsidenten, den ich nicht kaufen könnte. Rowland, vormals Chef des britisch-südafrikanischen Rohstoffkonzerns Lonrho, wurde von Premierminister Edward Heath einmal das hässliche Gesicht des Kapitalismus genannt. So sieht er aus der Kapitalismus in Afrika«
Wir erreichen die Zentrale der Organisation. Ein hinter Mauern verborgenes Haus mit einigen Nebengebäuden bietet Raum für unterschiedlichste Bedarfe. So findet sich hier eine Küche, in der tagtäglich bis zu 70 Personen von der Strasse 2x eine Mahlzeit erhalten können. Daneben sehen wir einige Büro- und Besprechungsräume und den großen Versammlungsraum. Insgesamt wirkt alles gut organisiert und aufgeräumt. Wir gewinnen einen ersten positiven Eindruck. Gizachew erläutert uns wenig später in seinem Büro die Gründungsgeschichte, Erfolge und Herausforderungen der Organisation. Was ursprünglich die Idee mehrerer Jugendlicher war, ist heute nach über 10 Jahren eine Organisation mit über 100 Mitarbeitern und Ehrenamtlichen Helfern geworden, die sich um über 4.000 Kinder und Jugendliche bemühen. Schwerpunkte bilden die Bereiche Schul- und Berufsausbildung für Kinder und Jugendliche von der Strasse. Darüber hinaus werden mehrere Häuser unterhalten, welche Zuflucht und Schutz für junge Mädchen bieten, die hier der Prostitution entkommen können. Auf unserer Tour durch die verschiedenen Projekte der Organisation beeindrucken uns vor allem die Girls-homes. Hier treffen wir auf Mädchen im Alter zwischen 12 und 27 und älter. Manche von Ihnen haben bereits ein Kind bei sich. Das Schicksal dieser Mädchen nur ahnend sitzen wir ihnen eine Weile gegenüber, um uns vorzustellen. Die Atmosphäre ist friedlich und die Mädchen wirken in dieser Umgebung gut behütet. Der Blick in ihre Gesichter allerdings macht uns betroffen. Im Anschluss besuchen wir eine Schule. Über 300 Kinder bekommen hier ihre erste schulische Ausbildung. Wildes Willkommens-Gebrüll, winkende Hände und strahlende Gesichter ermuntern uns wieder. Als wir gegen Mittag in die Zentrale zurückkehren sind wir voll der Eindrücke und fasziniert von dem Engagement dieser kleinen Organisation. Entwicklungshilfe getrieben durch Emotion und Glaube.
Wir brauchen Abwechslung und Ruhe das Gesehene zu verarbeiten. Als wir am frühen Nachmittag die Eingangshalle des Sheraton Hotels betreten erdrücken uns zunächst die Gegensätze. Wir erkaufen uns den Zutritt zum hauseigenen Swimmingpool und verbringen den restlichen Nachmittag zwischen Luxus und den Gedanken an den Vormittag.
Als wir zurückkommen in unser Hotel stellen wir fest, dass es kein Wasser mehr gibt. Anscheinend ist auch das Siedlungsgebiet nahebei davon betroffen. Warum – kann keiner so genau sagen. Als wenig später dann auch die Stromversorgung wegbricht, sind wir dankbar über das Improvisationstalent der Hotelköchin, die es trotz der Widrigkeiten versteht bei Kerzenschein ein Abendessen für uns zuzubereiten.
17. Oktober
Nach äthiopischer Zeit ist es 2:30 p.m. Wir werden heute am Hotel abgeholt. Dies Land hat nicht nur eine eigene Zeitrechnung, es folgt auch einem anderen Kalender, dem julianischen Kalender. Somit liegt der Äthiopische Kalender 7 Jahre und 8 Monate hinter unserem und statt 2:30 werden wir bereits um 8:30 morgens abgeholt. Zwei freundliche ältere Herren bitten uns pünktlich auf die Minute in ihren Geländewagen. Wir steigen ein und machen uns mit Amari und Maramar bekannt. Wir wollen am heutigen Vormittag ein im Bau befindliches Ausbildungszentrum besuchen. Amari ist lokaler Projektleiter dieses Bauvorhabens. Die Finanzierung erfolgt durch die private Initiative ProjectE in Österreich. Unsere Fahrt führt uns in die Randbezirke von Addis. Hier und da ragen mehrstöckige Gebäude aus dem Meer von Blechhütten. Hinter mancher stacheldrahtbewehrten Mauer erkennen wir entlang des Weges diverse Botschaftsgebäude. Ehrgeizige Straßenbauvorhaben der Regierung sind bereits teilweise realisiert oder noch im Bau befindlich. Wo eine Brücke fehlt, oder ein Teilstück noch nicht fertiggestellt wurde quält sich der gesamte Verkehr auf rudimentären Straßen durch die Siedlungsgebiete. Wir erreichen die Ring-Road, ein Prestige-Objekt ausländischer Stadtplaner, der Beschleuniger für das Projekt Zukunft und eine große Gefahr für die meist Geschwindigkeits-überforderten Autos und Fahrer. Wir sehen Unfälle. Nach etwa 45 Minuten Fahrt erreichen wir das Baugrundstück. Ein hoher Wellblechzaun mit zwei notdürftig zusammengenagelten Wachtürmen schützt die Baustelle vor unerlaubtem Zutritt. Wir erfahren, dass auch die GTZ und weitere Organisationen hier in naher Zukunft bauen werden. Stolz erklärt uns der Projektleiter den zeitgerechten Fortschritt der Bauarbeiten. Trotz der Widrigkeiten während der Regenzeit und einem felsigen Baugrund sei man der veranschlagten Bauzeit von 6 Monaten um 1,5 Monaten voraus. Das Fundament liegt nahezu fertiggestellt vor uns. Die spätere Raumaufteilung lässt sich bereits erahnen. Einer Bauzeichnung können wir die Gestalt des geplanten Baukörpers entnehmen.
Wir sehen Bauarbeiter mit einfachsten Werkzeugen. Teils barfüßig mit Spitzhacke und Schaufel graben vier von ihnen einen Graben am Fundament des Hauptgebäudes entlang. Wie wir hierzu erfahren, wurde nachträglich der Gebäudeplan um eine Veranda erweitert. Schon wenige Zentimeter unter dem Oberboden beginnt der Fels. Eine ursprünglich für den Aushub angemietete Maschine habe man erfolglos zurückgeben müssen. Wie der zwei Meter hohe Abwassertank unter die Erde kommen wird sei noch nicht abschließend geklärt. Nach Fertigstellung werden in diesem Gebäude junge Frauen zu Bürohilfen ausgebildet werden. Das Vorhaben beeindruckt uns. Auf dem Rückweg erklärt uns Amari die Kostenkalkulation. Die Rohstoffpreise seien kürzlich gestiegen und so müsse er seine Kostenkalkulation überarbeiten. Doch schon in wenigen Wochen würde man mit dem zweiten Bauabschnitt beginnen.
Wir sind zurück im Lido Hotel. Wir reflektieren die Eindrücke der vergangenen Tage. Nach diesem ersten oberflächlichen kennen lernen der Stadt und ihren Bewohnern sind wir uns sicher – wir wollen wiederkommen. Die Freundlichkeit und Unvoreingenommenheit der Äthiopier bleibt uns in guter Erinnerung. Unser Einblick in die Hilfsprojekte reicht bei Weitem nicht um ein Urteil darüber geben zu können. Zu viele Fragen sind offen geblieben. Immer wieder erinnern wir uns der Worte »es muss uns gelingen den Status zu halten«
18. Oktober
In aller Frühe holt uns ein Taxifahrer vom Hotel ab. Wir fahren zum Flughafen. Auf dem Weg durch die Morgendämmerung begegnen uns unzählige trainierende Läufer. Wir verlassen die kürzlich mit olympischen Gold gekürte Läufernation. Kurz vor unserem Ziel bittet unser Taxifahrer um unsere Kontaktdaten in Deutschland. Bartholomäus Grill schreibt hierzu »Die Älteren fragen nach Medikamenten oder der Visitenkarte, nach einem Kontakt in Europa, einer Telefonnummer, nach irgendeinem Enterhaken in das Schlaraffenland, aus dem wir kommen; es darf auch ein Flugticket sein«